Unglaublich – Wie leicht das ging!

Feb 26, 15 Unglaublich – Wie leicht das ging!

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Donnerstag. ERFAHRUNGSAUSTAUSCH

 

 

Dies ist ein Erfahrungsbericht von Franziska, eine Anekdote des Wachstums und der Veränderung. Damanhur ist zwar nicht explizit erwähnt, scheint doch an vielen Stellen als unterstützendes Feld durch.

Viel Freude beim Lesen!
 
Die Ausgangssituation

Ich liebe meinen Vater sehr. Das habe ich schon immer, doch hatte ich auch das Gefühl, wir sprechen andere Sprachen. Immer wieder sind wir, wie aus dem Nichts, plötzlich aneinander geraten. Bei keinem anderen bin ich so schnell nicht nur an, sondern gleich durch die Decke gegangen wie bei ihm und er bei mir. Ich hätte direkt danach oft nicht einmal sagen können, was genau geschehen ist, was der Auslöser für den Streit war. Und so war mir auch immer schleierhaft, was ich anderes hätte sagen oder tun können. Jedes Mal, wenn wir uns länger trafen, wurde es lauter zwischen uns und immer versuchte ich etwas zu tun, zu sagen oder zu zeigen, damit er mich versteht. Denn das war ja die Grundlage allen Streits: Ich fühlte mich unverstanden, unwichtig und dass meine Ideen oder Ansichten nicht gehört wurden. Ich ging also davon aus, dass das „Nichtverstehen“ zwischen uns stand, und so versuchte ich immer mehr zu erklären. Je mehr ich aber erklärte, desto ungehaltener wurde er, denn er meinte ja schon gleich verstanden zu haben, was in meinen Augen nicht der Fall war, also versuchte ich es einfach mit anderen Worten… So brauchte es von Mal zu Mal weniger Zeit, bis wir beide sauer wurden, und so wuchs in mir die feste Überzeugung: „Der versteht mich ja eh nicht!“.

Faszinierend daran war nur, dass es am Telefon nie zu solchen Auseinandersetzungen kam; zugegeben, wir telefonierten nicht oft… Aber dadurch spürte ich auch, wie sehr ich ihn liebte und ich mir Harmonie und Verständnis von und mit ihm wünschte. Ich startete also immer neue Versuche, allerdings immer auf die gleiche Weise. Ich kannte ja keine andere…
 

Eine kleine alles verändernde Geschichte

Nun ja, 32 Jahre spielten mein Vater und ich dieses Spiel bis zur Perfektion, ohne dass ich wirklich einmal etwas anderes versucht hätte. Doch bald bot sich die Gelegenheit „einfach“ mal alles anders zu machen als bisher. Papa bot Laminatan, mir beim Verlegen von Laminat und kleineren Reparaturen in meiner Wohnung zu helfen. Vier ganze Tage mit meinem Vater auf engstem Raum zusammen! Die erste Situation, in der ich an die Decke ging, ließ nicht lange auf sich warten. Er als „Fachmann“ wollte das Laminat so verlegen, wie er es kannte. Ich als „Künstler“ konnte mir vorstellen, dass es auf den gesamten Raum gesehen anders besser aussehen könnte. Ich merkte, dass die Harmonie jeden Moment kippen konnte, also atmete ich einmal tief durch und versuchte es mit: „Ich habe ’ne Idee und würde es gerne so versuchen.“ Es kamen Gegenargumente, die zeigten, dass er es sich nicht vorstellen konnte bzw. mich wieder mal nicht verstand. Also sagte ich nur: „Ich glaube, ich habe ’ne gute Vorstellung davon, wie es aussehen wird und möchte es lieber einmal so probieren.“

Stille…

Ich unterdrückte meinen Impuls, es noch in anderen Varianten zu erklären, damit er mich versteht, sondern blieb meinem Gefühl treu. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, da er zu der Sorte Mensch gehört, die im Schweigen so unglaublich laut in sich hinein grummeln können, dass man es fast hören kann. Diese Stille zog sich so lange hin, bis die ersten vier Bahnen Laminat nach meinem Wunsch verlegt waren. Ständig hatte ich das Gefühl, dass ich erklären muss, wie ich es meine bzw. hatte den Wunsch, dass er mich verstehen muss, damit wieder Harmonie herrscht, aber ich tat es nicht. Statt dessen versuchte ich mich darüber zu freuen, dass es tatsächlich so wurde, wie ich es mir vorgestellt hatte. Papas Grummeln wurde weniger, er sprach wieder mit mir und plötzlich sagte er freudestrahlend: „Also, ich konnte mir das gar nicht so recht vorstellen, wie Du es meintest und wie es aussehen würde, aber das wird richtig gut!“

In diesem Moment hätte ich Fliegen fangen können, so stand mein Mund offen. Wir arbeiteten Hand in Hand weiter, und es machte richtig Spaß und bei der nächsten Situation grummelte er nur noch kurz, sagte dann aber schnell:
„Wir können es ja versuchen.“ Dann kamen viele kleinere Dinge zusammen, die nicht so funktionierten, wie wir beide das geplant hatten bzw. es kamen sogar weitere Dinge die getan werden mussten hinzu. Ich wurde unruhig und merkte, wie ich sauer wurde und meine Geduld und mein Tatendrang sehr nachließen. Also versuchte ich es damit, dieses Gefühl zu äußern, auch wenn ich weder wusste, woher es kam noch was es genau bedeutete, mit: „Ich weiß nicht warum, aber ich hab gerade keinen Nerv mehr.“ Ich setzte mich auf den Boden und versuchte zu verstehen, warum und was ich genau empfand. Da schaute mich mein Vater mit unsicherem, fast jungenhaften Blick an und fragte, ob das mit ihm zu tun hat und er etwas falsch gemacht hat…

Ich war sprachlos und war neben dem anderen Gefühl sehr gerührt. So verstand er es, bezog es sogar auf sich?! Ich beeilte mich, ihm zu versichern, dass es nichts mit ihm zu tun hatte, und plötzlich wurde mir klar, dass dieses Gefühl meine Form der Überforderung war. Ich war um Grunde sauer auf mich selbst, dass mir diese Rückschläge und „Lösungen finden müssen“ zu viel auf einmal waren… Das war eine Erkenntnis, die mich wie ein Schlag traf, und ich teilte Papa diese meine Vermutung über den Ursprung meines Gefühls mit. Und was tat er? Er sagte: „Oh!“ und dann: „Na, dann bleib einen Moment sitzen, ruh dich aus und nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst und dann gibst du mir einfach Bescheid. Ich mache solange daran weiter, was ich alleine gut machen kann.“ …
 

Ist das zu glauben?! Sagt mir dieser „fremde Mann“ iSonnenuntergangn ehrlichem, lieben Ton, dass ich mal das tun soll, was mir gut tut. Wo ich doch bisher nicht einmal wusste, was das war und was ich brauchte. Hier zeigte sich aber gleich nach der Freude ein weiteres Muster, nämlich, dass ich nicht „schwach sein“ sollte und ich niemanden „für mich“ arbeiten lassen kann, während ich selber „nichts“ tue. Auch hier atmete ich kurz durch, fühlte in mich hinein und merkte, dass ich in diesem Moment aber nun einmal etwas Ruhe brauchte und nahm sie mir. Ich bot ihm an, doch auch eine Pause machen zu können. Doch er war gerade – im Gegensatz zu mir – voller Tatendrang und arbeitete jetzt sehr fröhlich weiter. Dies wiederum steckte mich recht schnell wieder an, und es dauerte nicht lange, bis ich ruhig und fit wieder weiter arbeiten konnte. Wir arbeiteten fröhlich, effektiv und in völliger Harmonie, und als Papa wieder nach Hause fahren musste, hätten wir beide gerne noch weitere Tage drangehängt.

Meine Erkenntnis

Rückblickend: Was war es eigentlich, was ich früher tat? Ich wollte! Ich wollte, dass er mich versteht, mir zuhört! Also wollte ich, dass Papa sich verändert, dass er etwas tut und sich so die Situation von außen ändert. Immer wieder riet man mir: „Bleib bei Dir. Äußere Deine Bedürfnisse und Gefühle in kurzen, knappen Sätzen usw.“
Ich verstand es aber nicht, denn oft wusste ich ja nicht, wie es mir ging. Oder ich war patzig und ging davon aus, dass ich das ja schon längst so tue… Ich wollte aber, dass sich etwas ändert, also machte ich mir innerlich eine Liste:
a) mich selbst beobachten, in mich hinein horchen
b) gleich äußern, was in mir vorgeht, auch wenn ich es noch gar nicht verstehe
c) wenn ich eine Idee hatte, auch das so zu äußern und dazu zu stehen, auch wenn mein Gegenüber es nicht versteht.

Super! Klasse! Hab doch nie etwas anderes gemacht… Oder doch?

 

Was bewegt Dich? Schreibe einen Kommentar…

 

1 Kommentar

  1. Herlinde /

    Der einfühlsame Bericht erinnert mich an mein eigenes, äusserst kompliziertes Verhältnis zu meinem Vater. Leider hatte ich die Gelegenheit verpasst bzw. war zu diesem Zeitpunkt (vor seinem Tode) noch nicht bewusst genug in meiner Selbstfindung, mich mit ihm emotional auf ein Miteinander anstatt dem andauernden Gegeneinander einzulassen.

    Danke dir, liebe Franziska, für diesen äusserst hilfreichen Erfahrungsbericht, wie man sich selbst und seine Bedürfnisse in Worte fassen und dadurch ein ehrliches und liebevolles Miteinander-Leben lernt.

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