Geschichten aus einer Großfamilie

Jun 22, 18 Geschichten aus einer Großfamilie

 

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LEBEN IN GEMEINSCHAFT

 

Gestern kam ich nach Hause und hatte Abendschicht. Was heißt das? Wenn man in einer der damanhurianischen Gemeinschaften lebt, bedeutet das, ungefähr alle zwei Wochen die abendlichen Putz- und Aufräumarbeiten zu machen. Ich gebe zu, dass ich manchmal wirklich überhaupt keine Lust dazu habe, aber wenn du mit anderen 24 Personen im Alter zwischen 6 Monaten und 96 Jahren zusammenlebst, ist das sicher das beste System, um eine gute Lebensqualität für alle zu garantieren.

Diese Abendschicht beginnt um 19 Uhr und endet, wenn alle gegessen haben und der lange Tisch, an dem ein kunterbuntes Gemisch unterschiedlichster Menschen gegessen hat, sich geleert hat. In meiner Gemeinschaft haben wir beschlossen, dass Personen ab 65 Jahren, aus Rücksicht auf ihre Rücken und Gelenke, keinen Abenddienst mehr machen. Ich muss allerdings sagen, dass unsere vergnügten 65-jährigen sehr robust sind, was so manchen viel Jüngeren neidisch machen könnte!

Wer mit der Abendschicht dran ist, kümmert sich auch um die Kinder und die Älteren. Wegen drei kleiner „Energiebomben“ im schulpflichtigen Alter haben wir bei uns Zuhause beschlossen, dass nach der Rückkehr aus der Schule immer ein Erwachsener die Eltern unterstützt, um ihnen bei ihren Hausaufgaben zu helfen. „Die Schicht” sorgt auch dafür, dass Essen für die Abwesenden beiseite gestellt wird und erfreut sich dafür der Dankbarkeit von Seiten der Spätkommenden, die normalerweise mit einem Löwenhunger nach Hause kommen.

Bei uns lebt auch Tata, mit jugendlichen 96 Jahren und einer Erinnerung, wie ich sie nicht einmal als junges Mädchen hatte. Ein Kuss auf Tatas Wange ist das „Ritual”, mit dem die Abendschicht beginnt, und sie endet mit der Tasse gezuckertem Kräutertee, den man ihr bringt (4 Teelöffel Zucker! Auch wenn sie eigentlich nicht mehr als 3 nehmen sollte. Aber keiner kann widerstehen, wenn sie einem zuflüstert: „Mach ihn mir doch bitte ein bisschen süßer, Schätzchen”).

Wer die Abendschicht macht, hat noch eine andere wichtige Aufgabe: den Heizkessel. Ich verstehe, dass es für diejenigen, die in einer städtischen Mietwohnung leben, schwer zu verstehen ist, wie wichtig es ist, dass sich im Winter am Abend jemand darum kümmert, dass die Temperatur der Wohnräume und des Wassers in den Badezimmern warm genug bleibt. Deshalb füllt man den Heizkessel abends nochmals randvoll mit Brennholz. Ich garantiere euch, dass dies eines der wichtigsten Dinge ist, damit bei mir Zuhause alle 24 Personen jeden Morgen mit einem Lächeln auf dem Gesicht aufstehen.

Ein schönes Erlebnis hatte ich gestern Abend mit Isacco, einem unserer Kinder. Nachdem er eine gebratene Fenchelknolle gegessen hatte, die ich ihm, damit er sie isst, als Hühnerbrust „verkauft“ hatte, sagte er mir; „Ich habe gemerkt, dass das kein Hühnchen ist, aber es war trotzdem lecker” und gab mir einen dicken Kuss auf die Backe.

Mein früheres Leben in Florenz, im fünften Stock eines historischen Gebäudes, in dem ich allein lebte, war sehr, sehr verschieden von dem, was ich heute mache. Aber wenn ich im Sommer mit dem Gesang von Vögeln und Laubfröschen aufwache oder im Winter unter meine Daunendecke schlüpfe und die Stille des Landlebens genieße, sehne ich mich keine Sekunde nach meinem florentinischen Leben ;).

 

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