Rebellion liegt in unserer Natur

Jun 04, 19 Rebellion liegt in unserer Natur

 

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ERFAHRUNGSAUSTAUSCH

 

Wenn ich die Mythen und Geschichten lese, die mit Abuk, unserer Gottheit des Monats, verbunden sind, spüre ich die Rebellion als starkes Element. Warum wiederholt sich dieses Element in so vielen Mythen, die mit der Entstehung der Welt zusammenhängen? Irgendwann in der Geschichte rebellieren der erste Mann und die erste Frau gegen ihren Schöpfer.

Ich lebe im Westen, als Kind war ich von der christlichen Mythologie durchdrungen, und ich empfand das Element der Rebellion nur in negativer Form als etwas, wofür man sich schämen musste: Adam und Eva, die, von der Schlange zur Sünde verleitet, den Apfel der Erkenntnis aßen. In der Mythologie des sudanesischen Volkes der Dinka, auf der anderen Seite der Welt in einer völlig anderen Kultur, steht der Aufstand von Abuk und Garang für den Beginn einer neuen Geschichte, gekennzeichnet von evolutionärer Entschlossenheit und Eigenwilligkeit. Für Abuk war es nicht genug, dass der Gott des Himmels ihr ein einziges Weizenkorn pro Tag gewährte, und sie beschloss, sich mehr zu nehmen, als ihr angeboten wurde. Sogar Abuk hat eine Schlange als symbolische Begleiterin, aber in ihrem Mythos repräsentiert diese ihren Kontakt mit der Natur, mit der Lebenskraft und mit dem Wissen.

Auch wir Menschen von heute wiederholen diesen Akt der Rebellion in unserem persönlichen Leben, in dem Moment, in dem wir das Gefühl haben, dass das, was uns von unserem „Schöpfer”, den Eltern, gewährt wird, nicht mehr ausreicht. Wir fühlen, dass die Welt groß ist, dass es Dinge zu entdecken gibt und dass wir viel mehr bekommen können als das, was uns in dem Garten gewährt wird, der uns am Beginn unseres Lebens nährt. Plötzlich stellen wir fest, dass unsere Eltern nicht alle Antworten haben, dass auch sie Begrenzungen haben, die wir als Kinder nicht sehen Konnten. Sich selbst zu definieren, ist oft ein schmerzhafter und komplexer Prozess: Es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass unsere Eltern nicht allmächtig sind, und wir müssen daher den Mut haben, uns dem Leben allein zu stellen.

Vater und Mutter können uns nicht für immer beschützen. Es ist an der Zeit, Schwert und Schild zu ergreifen – falls möglich, eher symbolisch als real – und sich in erster Linie ins Spiel zu bringen. Während der Pubertät erleben wir die destabilisierende Schwingung zwischen dem Verlangen nach Schutz und der Leidenschaft, das Neue zu entdecken. Der Verlust des Schutzes ist extrem in der Geschichte von Abuk, denn sobald sie rebelliert, ist der Gott beleidigt und gibt ihr gar nichts mehr. Ab dem Moment, in dem wir das Haus unserer Eltern verlassen, haben wir sowohl größere Freiheit als auch größere Verantwortung. Deshalb müssen wir lernen, dass diese beiden Aspekte untrennbar miteinander verbunden sind.

Die Tatsache, dass eine Entscheidung mit Risiken und Kosten verbunden ist, macht sie real. Wenn es nicht so wäre, würde sie uns nicht die Veränderung bringen, die eine echte Entscheidung ermöglicht. In unserer westlichen Welt sind wir ein bisschen zu behütet, Kinder leben oft noch nach der Pubertät bei ihren Eltern oder werden von ihnen finanziell unterstützt. Manchmal erschweren uns gerade diese Bedingungen, freie und risikobereite Erwachsene zu werden.

Wenn uns die Sicherheit von außen zu lange begleitet, besteht die Gefahr, dass wir nicht in der Lage sind, die innere Stärke zu erlangen, die es uns ermöglicht, die Welt herauszufordern und wirklich wir selbst zu sein. Die wilde Natur in uns flacht ab und verliert an Gewicht. Nicht an physischem Gewicht, sondern dem menschlichen und spirituellen, das sich von dem Moment an entwickelt, an dem wir unser Leben in die Hand nehmen.

Ich erinnere mich heute noch an die Zeit, bevor ich das Haus meiner Familie verließ. Ich fühlte ganz klar, dass das Leben, das ich bis zu diesem Moment gelebt hatte, zu einem Abschluss gekommen war, ich wollte nicht mehr von meinen Eltern abhängig sein. Ich war Ende siebzehn, ich fühlte mich erwachsen, bereit, zur Universität in eine andere Stadt zu gehen.

Die Angst, keinen Erfolg zu haben, keine Arbeit zu finden, die es mir ermöglichen würde, auf eigenen Beinen zu stehen und deshalb dann gezwungen zu sein, nach Hause zurückzukehren, war stark und real, aber nicht vergleichbar mit meinem Wunsch, die Welt zu entdecken, in meine Kraft zu kommen und auf eigene Faust zu wachsen.

Am Ende erwiesen sich alle meine Ängste als unnötig: ich fand sofort Arbeit und Freunde, und während meines Studiums stellte ich fest, dass meine wirklichen Bedürfnisse viel weniger materiell als vielmehr immateriell sind. Was ich suchte, wurde nicht durch Geld, Sicherheit oder Komfort bestimmt. Ich habe es immer geschafft, für meinen Unterhalt zu sorgen, ich hatte die Hilfe von Freunden, wenn ich sie brauchte, und vor allem entdeckte ich, dass ich auch die Fähigkeit hatte, anderen zu helfen. All dies wäre nicht geschehen, wenn ich in meinem kleinen Geburtsort geblieben wäre.

Ich bin zutiefst dankbar für alles, was meine Eltern mir gaben. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie mir ihr Bestes geben, aber genau wie bei Abuk war es für mich an der Zeit, mich zu entscheiden. Ich fühlte, dass es der Ruf meiner tiefen weiblichen Natur war, ein Teil, der in jedem Menschen vorhanden ist. Es ist der Aufruf, ein bestehendes System zu überwinden, eine uns einschränkende Hierarchie zu durchbrechen, mehr zu wollen, um weiter zu wachsen. Beim Erschaffen von etwas Neuem Erfolg zu haben, ist niemals ein selbstverständlicher Prozess. Aber wenn wir es schaffen, leben wir unsere Göttlichkeit.

Bertuccia Bietola

 

 

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