Eine Erfahrung, die ich nicht erwartet hatte

Jul 08, 19 Eine Erfahrung, die ich nicht erwartet hatte

 

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ERFAHRUNGSAUSTAUSCH

 

Allocco Tagete, seit etwa zwanzig Jahren in Damanhur, erzählt uns von seiner Meditation über die Krankheit und über den Gral.

Manchmal vergessen wir den Wert des Lebens und geben ihm nicht die angemessene Bedeutung. Auch wenn du dich mit schönen und wichtigen Dingen beschäftigst, auch wenn du, wie in meinem Fall, in Damanhur lebst, dich als spirituelles Wesen fühlst, du ständig in Kontakt mit einem außergewöhnlichen Geschöpf wie den Tempeln der Menschheit lebst, denen ich in den letzten Jahren viel von meiner Zeit gewidmet habe, riskierst du, etwas aus den Augen zu verlieren.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss ich sagen, dass ich mich an einem bestimmten Punkt meines Lebens am richtigen Ort fühlte, ich fühlte mich fast immun gegen jegliches Unglück und ich hatte vergessen, dass das Leben lebendig und vital ist, es akzeptiert nicht, in dem zu erstarren, was einfach nur gerade da ist. Als ich dann irgendwann plötzlich feststellte, dass ich schwer krank war, wurde mir dies wieder bewusst und ich wurde achtsam, ich könnte sagen, ich begegnete meinem persönlichen Gral. Heute denke ich, dass meine Seele gelangweilt war und mein Körper hat es mir sehr heftig gezeigt.

ENDLICH WIEDER INS MEER SPRINGEN

Die Erfahrung der Krankheit ist für niemanden und niemals einfach. Ich war nicht darauf vorbereitet, ich dachte, ich wäre es, aber ich entdeckte, dass das nicht stimmte. Alles in allem war ich es vielleicht doch, aber es ist wohl immer eine schlimme Erfahrung. Vor allem weil, als ich herausfand, dass es mir nicht gut ging, es sofort klar war, dass ich keine Zeit haben würde, alternative Therapien und sanfte Behandlungen auszuprobieren oder meine Gewohnheiten zu ändern – ich musste sofort operiert werden. Nicht in der Lage zu sein, eine Wahl treffen zu können, hat mich noch zusätzlich irritiert.

Ich habe den gesamten Verlauf der notwendigen Therapien auf mich genommen und nach ein paar Monaten war ich über den Berg. Nach einem sehr anstrengenden Winter und Frühling konnte ich im Juni letzten Jahres endlich wieder einmal ins Meer springen und ich hatte noch nie so sehr das Gefühl des kaltes Wassers auf meiner Haut genossen und war noch nie so dankbar dafür gewesen, wie in diesem Moment.

EIN WICHTIGER DIALOG

Noch heute schäme ich mich etwas, darüber zu sprechen. Nachdem der erste Moment der grossen Angst und Besorgnis vorüber war, hat mich ständig der Gedanke begleitet, die Bewusstwerdung und das Gewahrsein dafür aufrechtzuerhalten, wer ich bin und was ich mir wünsche. Trotz allem Unglück war es mir wichtig meine Würde zu bewahren. Die Liebe meiner Lebensgefährtin und die Zuneigung aller meiner Freunde, einige Damanhurianer, andere nicht, haben mir sehr geholfen – aber tief in meiner Seele stand ich ganz allein vor mir selber.

Hier kommt das ins Spiel, das wir Gral nennen, d.h. diese Urkraft, mit der wir leichter in Kontakt kommen können, wenn wir krank sind. Durch den Dialog mit dieser Kraft wurde mir klar, wie wichtig es ist, das Leben zu lieben. Es nicht nur als selbstverständlich zu betrachten, sondern es durch die Menschen um mich herum zu lieben, durch meine Träume, durch die Sonne, die Wolken, ja sogar durch den Verzicht, zu dem mich die Krankheit gezwungen hat.

DIE BEDEUTUNG DER KLEINEN GESTEN

Ich habe nicht nur gelernt, alles um mich herum mehr zu schätzen, sondern auch viel aufmerksamer darauf zu achten was ich sage und welchen Ausdruck mein Gesicht hat. Auch meine Kommentare und die kleinen Gesten sind wichtig, denn auch von ihnen hängt es ab, ob die Menschen in meiner Nähe sich gut oder schlecht fühlen. Vor allem habe ich gelernt, dass mich das nicht einschränkt, sondern mir sogar Freude bereitet.

Ich komme nicht darum herum mich zu fragen, ob die Krankheit wiederkommen wird. Das kann natürlich schon passieren, aber dann ist auch das Teil des Lebens und ich akzeptiere es.

Versteht mich nicht falsch: Ich hätte es vorgezogen, all diese Dinge auf eine andere, angenehmere, weniger invasive Art und Weise zu lernen. Aber diese Lektion, auf welchem Weg sie auch immer zu mir kam, habe ich gelernt und ich fühle, dass sie mir sehr sehr viel gegeben hat.

 

 

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