Wo sind die Götter geblieben?

Nov 30, 20 Wo sind die Götter geblieben?

 

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SPIRITUALITÄT IN DAMANHUR

 

Artikel von Lontra marina Bambu

Es ist der RAI (RadioFernsehen Italien) und ihrer Serie „Maestri“ zu verdanken, dass ich diesen Artikel schreibe.
Edoardo Camurri, ein großartiger Moderator, unterhält sich mit verschiedenen Universitätsprofessoren über sehr unterschiedliche Wissensgebiete und hier berichte ich davon, was mir persönlich an dem Vortrag von Professor Maurizio Bettini mit dem Titel „Wo sind die Götter geblieben?“ gefallen hat.

Es beginnt mit dem Konzept der Panik. Camurri sagt, das sei kein Wort, das man auf die leichte Schulter nehmen sollte: Wenn das Herz verrückt spielt, wenn wir uns davor fürchten, von einem Moment zum anderen zu sterben, wenn uns plötzlich eine Welle von Energie durchdringt, heisst das, dass wir von Panik heimgesucht werden. Wir sind in Kontakt mit einem alten Gott, genauer gesagt, mit Pan.

Prof. Bettini beginnt, indem er über alte Religionen spricht und argumentiert, dass sie, auch wenn wir sie mittlerweile als Mythologie betrachten, in jeder Hinsicht genauso als Religion angesehen werden sollten, wie die aktuellen Religionen. Die Götter, die heute als mythologisch angesehen werden, waren mit bestimmten antiken Religionen verbunden. Es waren Götter, die auch sehr wichtige soziale und kulturelle Funktionen ausübten, dann wegen des Christentums verstossen wurden, das als Gegenreligion aufgebaut wurde, um sich gegenüber den bereits bestehenden Religionen zu behaupten. Da das Christentum auf jüdischen Wurzeln beruht, die nur einen Gott zulassen, der als der einzig wahre Gott betrachtet wird, waren somit alle anderen „falsche“ Götter und mussten mit all ihrem religiösen Erbe zerstört werden. Die Religionen, die wir als monotheistisch definieren (zu Unrecht, weil es ein Begriff ist, den man erst ab dem siebzehnten Jahrhundert verwendet), basieren alle auf einem Buch. Ausgehend vom Judentum, über das Christentum bis hin zum Islam konzentriert sich alles auf dieses große Buch, das als von Gott geschrieben gilt (gemäß Tertullian), und hier liegt der große Unterschied. In den alten Religionen gab es nichts dergleichen, insbesondere kein Buch, dessem Inhalt sie verpflichtet waren. Es gab nichts, wo festgehalten wurde, wie man Gott ehren sollte, auf welche Art, wie oft, usw.; daraus ergab sich für den religiösen Ausdruck ein enormes Gefühl der Freiheit.

Die Weltanschauung war polytheistisch (ein Begriff, den es in der Antike nicht gab); man war eine Religion und damit hatte es sich. Der Begriff „Polytheist“ wurde von dem jüdischen Schriftsteller Josephus Flavius geprägt, (geboren 37/38 n. Chr. in Jerusalem; gestorben um 100 n. Chr. vermutlich in Rom) der, nachdem er sich zu dem einzigen Gott bekannt hatte, die Religionen der anderen aus dieser seiner neuen Sicht betrachtete und eben feststellte, dass die anderen viele Götter hatten. Diese Definition führte er daher zur Unterscheidung ein. Wenn aber im sogenannten Polytheismus so viele Götter geehrt wurden, hinderte die Menschen nichts daran, auch die Götter anderer Konfessionen zu ehren, sofern sie nicht als Dämonen, Marionetten oder, noch schlimmer, als Gespenster angesehen wurden; sie galten in jeder Hinsicht als Götter, die möglicherweise geehrt und sogar untereinander identifizierbar waren (z.B. Jupiter-Zeus-Juppiter oder Wotan-Merkur). Daraus folgt, dass die polytheistischen Religionen niemals einen Religionskonflikt hatten.
Die Menschen der Antike haben sich auf viele Arten umgebracht, sie haben die Welt aus vielen Gründen mit Blut besudelt, aber sie haben nie getötet, um andere zu zwingen, ihren Gott zu ehren und ihn als einzigartig zu betrachten, etwas, das wir leider auch heute noch beobachten können.

Der Polytheismus ist ein grosses Lehrstück der Ebenbürtigkeit, des Austauschs, der Gleichstellung, und wir gelangen heute nur mühsam und nur in einigen Teilen der Welt zurück zu dieser religiösen Ebenbürtigkeit, dieser Natürlichkeit und dieser Leichtigkeit in den religiösen Beziehungen, die in der Antike ganz selbstverständlich gelebt wurde.
Der polytheistische Kult hat nie religiöse Konflikte gewollt, deshalb ist es notwendig, diesen Gegensatz zwischen Polytheismus und Monotheismus philosophisch und historisch zu beleuchten; zwischen den „Buch“-Religionen“ und denen die kein Buch als Grundlage haben, auf das sie sich beziehen, sondern einfach auf ihrer täglichen Erfahrung des Kontakts mit den Göttern basieren.

Praktisch wird der Monotheismus mit dem Ersten Gebot <Du sollst keine anderen Götter neben mir haben> eingeführt, aber innerhalb dieses Gebotes finden wir den Polytheismus der Götter bekundet. Dies stellt den großen Bruch dar: Als dieses Prinzip angewendet wurde, veränderte sich die Welt; es stellt den Übergang von der alten Kultur zur nachfolgenden dar. Wenn wir sagen: <Es gibt nur einen Gott, meinen Gott, den wahren Gott, und wer ihn nicht ehrt, muss bestraft werden>, wird ein unglaublicher Wandel herbeigeführt. Aber das Erste Gebot impliziert zugleich: Es gibt die Götter! Dies ist ein grosser philosophischer Widerspruch! Um sich zu behaupten, muss der Monotheismus die Idee des Polytheismus akzeptieren!

Im Jahr 2010 sagte Papst Benedikt XVI. bei der Teilnahme an einer Bischofssynode: <Weiche von mir, Polytheismus!> Es scheint fast wie ein Exorzismus zu sein, den ein Papst vor einigen Jahren gegen diese Götter verübte, die immer noch existieren und die Struktur des Monotheismus bedrohen. Offensichtlich war dieser Papst immer noch Opfer und Schuldner dieses Modells der Gegenreligion und nicht nur von der Bosheit und Schädlichkeit dieser Götter überzeugt, sondern auch davon, dass Polytheismus nur Korruption war, eine von der Wahrheit abgekehrte Unzucht. Aber Exorzismus ist auch die Anerkennung der Existenz der alten Götter, von denen die westliche Kultur nie frei war. Und dies paradoxerweise dank der Christen, die kontinuierlich die antiken griechischen und römischen Texte gelesen und bewahrt haben, indem sie diese zweite Kultur innerhalb der ersten, der christlichen, am Leben erhalten haben. Indem sie zum Beispiel denselben Maler die Venus auf dem einen Bild und Maria auf einem anderen malen liessen. Es ist, als könnten wir sowohl die mono- als auch die polytheistische Kultur wahrnehmen und gleichzeitig immer noch die Wurzeln jener alten Welt in uns spüren, aus der das Christentum hervorgegangen ist.

Doch die „Buch“-Religionen beweisen in ihrem konfliktreichen Verhältnis zu den antiken Göttern noch immer ihre konditionierende Macht: 2016, als der iranische Präsident Italien besuchte, wurden alle nackten Statuen des Palazzo Ghigi in Kisten verpackt, angeblich aus Respekt vor dem Gast. Dies signalisiert jedoch, dass die alten Götter noch leben und kämpfen, wenn wir sie bedecken und verbergen müssen. Das scheint alles ein wenig absurd, aber leider haben wir auch mit angesehen, wie die ISIS einige Denkmäler der klassischen Antike bombardiert und zerstört hat. >Das lässt uns denken, dass die Idee des Heidentums noch da und immer noch beängstigend ist und für sie eine Ikone der westlichen Zivilisation darstellt, weil sie den Ursprung dieser von ihnen verabscheuten Andersartigkeit des Westens darstellt. Dies zeigt auf, dass diese Götter immer noch existieren mit all der Kultur, die sie hervorgebracht haben, die aber in Mythologie, Folklore und künstlerische Dekoration übertragen wurde. Aber wie kam es, dass der Exorzismus gegen die Götter in ihre dekorative „Zähmung“ umgewandelt wurde?

Alles spielte sich im Laufe der Zeit in wechselnden Phasen ab; so war beispielsweise die Renaissance eine Zeit großer Offenheit. Sie präsentierte die letzte binokulare Sichtweise der westlichen Kultur: christlich, post-christlich oder sogar säkular und ausserdem in der Schulbildung der humanistischen Gymnasien noch klassisch ausgerichtet. Der Gegensatz zwischen den mono- und polytheistischen Kulturen und die daraus entstehende Reibung, wirkte dialektisch und brachte eine neue Kultur hervor. Wo es keine Dialektik gibt, gibt es keine Opposition, da ist der Tod. Auf diesem Hintergrund kann das humanistische Gymnasium auch als einer der Tempel gesehen werden, in denen die antiken Götter noch lebendig sind, kämpfen, sich manifestieren, neue geistige Verbindungen herstellen. Sie pflegen eine Kultur, die sich zutiefst von der unterscheidet, die sie gehabt hätten, wenn alles erst nach dem Mittelalter begonnen hätte.

Der Monotheismus hat eine sehr starre, dogmatische, konstruierte Beziehung zur Gottheit. Er scherzt wenig mit Gott, wohingegen sein erster Ansatz, der jüdische, reich an Ironie ist; eine Beziehung, die auch polemisch ist. Der Kult gegenüber den antiken Göttern war von einem symbolischen, leichten, losgelösten Element gekennzeichnet: man durfte über die Götter lachen (in „Die Frösche“ von Aristophanes wird Dionysos auf einen Narren reduziert; in „Amphitryon“ von Plautus ist Juppiter ein Verführer, ein Ehebrecher und ein Zänker). Nach dem Philosophen Henri Bergson kann man über die alten Götter lachen, weil sie zutiefst menschlich sind; sie sind uns nahe, sie sind ein integraler Bestandteil der Gemeinschaft. Die antiken Götter nehmen mit einer bemerkenswerten Intensität am Leben des Menschen teil: sie sind „Vermittler“, sie sind überall und sie repräsentieren Aspekte des täglichen Lebens, denn jeder Aspekt der Wirklichkeit ist göttlich, magisch, überraschend und muss in gewisser Weise gefeiert werden. Die Religion der Alten war so stark, so erstaunlich, dass das Christentum diese Götter mit einem Fluch belegen musste. Heinrich Heine sagte: Das Christentum betrachtete die Tempel der Antike als Festungen wahrer Demonen und gab den in den Statuen dargestellten Göttern eine unbestrittene Existenz, d.h., sie waren gemachte Teufel – und damit basta! Er spricht im Wesentlichen darüber, wie die Götter durch das Christentum dämonisiert, verwandelt und auf folkloristische Figuren reduziert wurden (Diana wird zum Beispiel zur Hexenmeisterin, an die die Domus de Janas auf Sardinien erinnern, zu deutsch „Häuser der Feen“. In den Feen wurden nur die römischen Feen gesehen, göttliche Kräfte des Schicksals, die das Leben der Menschen vom Moment der Geburt an lenkten und dominierten).

Wir sind Zeugen der metamorphischen Fähigkeit der Götter, denn trotz des Fluchs überleben sie als Hexen und Dämonen. Die Fähigkeit, zugleich das Eine und die Vielfalt zu sein, ist charakteristisch für die antiken Götter. Für Jung sind <Götter zu Krankheiten geworden> und <Götter können und dürfen nicht sterben>; misshandelt, verflucht, ausgestoßen, nehmen die Götter andere Formen an und finden sich nun in Krankheiten wieder, um zu überleben und zu bleiben. Wie kann man das verstehen? In Wien gab es im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert ein einzigartiges Phänomen: die Tiefenpsychologen, d.h. die, die die Tiefe der menschlichen Psyche verstehen wollen, sind zugleich auch profunde Kenner der griechischen Antike, denn sie ist der Höhepunkt des Mythos des Hellenismus; und sie sind auch davon überzeugt, dass die griechische Zivilisation die Fähigkeit hatte, durch ihre Mythen die Wahrheiten auszudrücken, die über die Jahrhunderte der Unterdrückung in unser Inneres getrieben wurde.

Indem die Psychoanalyse die Psyche und die Bedeutung der Mythen zusammenfügt, indem sie also diese beiden Dimensionen in der Vorstellung kurzschließt, ausgehend davon, dass es den Griechen durch ihre Mythen möglich war, das zu sagen, was wir nicht mehr sagen können, beginnt sie, sich den Mythos zunutze zu machen, und Ödipus wird so zur Manifestation des Wunsches, seinen Vater zu töten und seine Mutter zu lieben. Die Griechen waren in der Lage, es zu sagen, weil sie „Griechen“ waren, sie hatten eine wundervolle Welt (eine Welt voller Wunder also), die es ihnen erlaubte, dies zu tun. Shakespeare wird das schon nicht mehr schaffen: Hamlet wird in Zweifel und Unsicherheit leben.

Dann geben uns die Götter die Sprache, die Worte, die Fähigkeit, die Welt umfassender zu verstehen.
Wenn wir also nun zum Beginn des Artikels zurückkehren, müssen wir jedes Mal, wenn es zu einer Panikattacke kommt, daran denken, dass ein Gott gegenwärtig ist, dass wir in dieser Form des psychischen Leidens wahrscheinlich eine Stimme des Gottes hören, eine Stimme der Tiefe, von der in der Geschichte der Menschheit so viel erzählt und geschrieben worden ist.

Lontra marina Bambù

 

 

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